111 Jahre nach dem Völkermord: Warum deutsche Schulen das armenische Leid vergessen
Francesco Heinrich111 Jahre nach dem Völkermord: Warum deutsche Schulen das armenische Leid vergessen
In diesem Jahr jährt sich der Völkermord am armenischen Volk zum 111. Mal. Zwischen 1915 und 1923 wurden im Osmanischen Reich etwa 1,5 Millionen Armenier systematisch ermordet. Trotz der eigenen Verstrickung Deutschlands in diese Gräueltaten wird das Thema an vielen Schulen bis heute nicht behandelt.
2016 verabschiedete der Deutsche Bundestag eine Resolution, die fordert, den Völkermord an den Armeniern in die Lehrpläne aufzunehmen. Doch überfüllte Stundenpläne, Zeitmangel und fehlende Unterrichtsmaterialien sorgen dafür, dass das Thema oft vernachlässigt wird. Lehrkräfte kämpfen damit, es in die ohnehin schon vollen Lehrpläne zu integrieren.
Ein Weg, das Thema in die Klassenzimmer zu bringen, führt über die Literatur. Im März veröffentlichte der Reclam Verlag Laura Cwiertnias Roman "Auf der Straße tragen wir andere Namen" als Schullektüre. Das Buch setzt sich mit den Themen Völkermord, Überleben und Diskriminierung auseinander und schafft so eine emotionale Verbindung der Schülerinnen und Schüler zur Vergangenheit. Swantje Ehlers steuerte ergänzende Kommentare und historischen Kontext bei, um Lehrkräfte bei der Arbeit mit dem Text zu unterstützen.
Deutschlands Mitverantwortung am Völkermord verleiht der Debatte zusätzliches Gewicht. Als Kriegsverbündeter des Osmanischen Reiches trägt das Land eine historische Schuld. Befürworter argumentieren, dass es beim Unterricht über dieses Kapitel nicht nur um Erinnerung geht, sondern auch um das Verständnis von Mittäterschaft und deren langfristigen Folgen.
Trotz offizieller Forderungen nach einer Aufarbeitung bleibt der Völkermord von 1915 in vielen deutschen Klassenzimmern ein blinder Fleck. Romane wie der von Cwiertnia bieten einen Ansatzpunkt für die Auseinandersetzung, doch sind umfassendere Änderungen der Lehrpläne weiterhin nötig. Ohne sie droht, dass ein zentrales Stück Geschichte – und Deutschlands Rolle darin – in Vergessenheit gerät.






