Konfessionslose überholen in Deutschland erstmals Christen – doch Kirchen kämpfen um Privilegien
Leila BlochKonfessionslose überholen in Deutschland erstmals Christen – doch Kirchen kämpfen um Privilegien
Zum ersten Mal in der Geschichte Deutschlands übersteigt die Zahl der konfessionslosen Menschen die der Katholiken und Protestanten zusammen. Wie aus einem Bericht des Forschungsinstituts fowid aus dem Jahr 2025 hervorgeht, bezeichnen sich 47 Prozent der Bevölkerung als nicht religiös, während nur noch 45 Prozent den beiden großen christlichen Kirchen angehören. Trotz dieses Wandels kämpfen religiöse Gruppen weiterhin um besondere rechtliche Privilegien – und entfachen damit eine neue Debatte über ihren Einfluss im öffentlichen Leben.
Die katholische und die evangelische Kirche in Deutschland beschäftigen gemeinsam mit ihren Wohlfahrtsverbänden rund 1,8 Millionen Menschen. Diese Einrichtungen verbieten Streiks und verlangen von Mitarbeitenden in staatlich finanzierten Positionen, dass sie kirchensteuerpflichtige Mitglieder sind. Wer sich weigert oder aus der Kirche austritt, riskiert die Kündigung oder wird bei Bewerbungen automatisch abgelehnt.
Die Gewerkschaft ver.di hat die Forderungen der Kirchen scharf kritisiert und eine Überprüfung ihrer weitreichenden Autonomie in Arbeitsfragen gefordert. Das Bundesverfassungsgericht urteilte kürzlich, dass Kirchen keine willkürlichen Regeln über Beschäftigte verhängen dürfen – ein weiterer Rückschlag für ihre rechtliche Position.
Auch jenseits des Christentums streben muslimische Gemeinden den Status einer Körperschaft des öffentlichen Rechts (KdöR) an. Diese Anerkennung verleiht Privilegien wie das Recht zur Erhebung von Mitgliedsbeiträgen, Arbeitgeberbefugnisse und Steuervergünstigungen nach Artikel 140 des Grundgesetzes. Doch angesichts der Tatsache, dass 77 Prozent der Deutschen kirchliche Angelegenheiten für unwichtig halten und 68 Prozent sagen, Religion spiele in ihrem Leben keine bedeutende Rolle, stoßen diese Ansprüche auf wachsenden Widerstand.
Selbst unter den Kirchenmitgliedern bröckelt die Unterstützung. Auffällig ist, dass 65 Prozent der Katholiken und Protestanten ihre eigenen Institutionen mittlerweile als irrelevant betrachten. Da konfessionslose Deutsche in diesem Jahrzehnt voraussichtlich die absolute Mehrheit stellen werden, wächst der Druck, veraltete Privilegien zu reformieren.
Die Daten zeigen eine deutliche Kluft zwischen religiösen Institutionen und der breiten Gesellschaft. Mit der beschleunigten Säkularisierung geraten Kirchen und Glaubensgemeinschaften zunehmend in die Kritik wegen ihrer rechtlichen Sonderstellungen und Arbeitsbedingungen. Die Debatte wird sich voraussichtlich weiter zuspitzen, je mehr nichtreligiöse Menschen in Deutschland an Zahl und Einfluss gewinnen.
