"Salome" von Evgeny Titov: Allgegenwärtiges Verlangen
"Salome" von Evgeny Titov: Allgegenwärtiges Begehren
Was tun mit einem Skandalwerk von vor 100 Jahren, wenn der Skandal verflogen ist? An der Komischen Oper Berlin präsentiert Evgeny Titov eine neue Deutung von Richard Strauss’ „Salome“ – gesangsfreundlich inszeniert.
Berlin, 28. November 2025
Die Komische Oper Berlin hat mit einer mutigen Neuinszenierung von Salome unter der Regie von Evgeny Titov aufhorchen lassen. Die um 1900 von Richard Strauss komponierte Oper war einst so brisant, dass die Wiener Hofoper sie schlichtweg verbot. Titovs Version bietet nun einen frischen Blick, bleibt dabei aber den provokanten Wurzeln des Werks treu.
Strauss’ Salome war seit jeher ein Stein des Anstoßes. Ursprünglich in Wien verboten, sah sie sich später in Berlin unter Kaiser Wilhelm II. Einschränkungen aus – dieser bestand darauf, dass am Finale der Stern von Bethlehem erscheinen müsse. Die dunklen Themen der Oper – Begehren, Macht und Besessenheit – stehen auch in Titovs Interpretation im Zentrum.
Das Bühnenbild bricht mit der Tradition. Bühnenbildner Rufus Didwiszus entwarf einen kargen, matt-goldenen Gewölberaum, der die sonst üppige Sinnlichkeit des Stoffes zurücknimmt. Dieser minimalistische Ansatz kontrastiert mit den Exzessen der Handlung, wenn auch die ästhetische Anlehnung an eine BDSM-Party mitunter zu plakativ wirkt. An entscheidenden Stellen verblasst dieser Stil, sodass Lücken in Titovs Konzept entstehen. Auf der Bühne übernimmt Nicole Chevalier die Hauptrolle als Salome, die sich über das tückische Bühnenbild bewegt und sich gleichzeitig mit Strauss’ überwältigender Orchestrierung auseinandersetzt. Titovs Regie dekonstruiert ihren berüchtigten Tanz, indem er ihre Figur vervielfacht und ihr damit die Handlungsmacht nimmt. Statt einer selbstbestimmten Frau wird sie zur Getriebenen, gesteuert von Kräften außerhalb ihrer selbst. Matthias Wohlbrechts Herod sticht mit einer schneidend-harten Gesangsperformance hervor, die die Furcht und Bedrohlichkeit des Herrschers unterstreicht und so die psychologische Spannung der Oper verstärkt. Titovs übergreifende Vision erkundet das Begehren als alles verschlingende Kraft – die Figuren suchen Halt bei denen, die sich ihnen entziehen.
Die Salome der Komischen Oper bietet eine durchdachte und respektvolle Neudeutung von Strauss’ provokantem Werk. Titovs Entscheidungen – vom kargen Bühnenbild bis zum fragmentierten Tanz – eröffnen neue Perspektiven, ohne die rohe Intensität der Oper zu verlieren. Die Inszenierung bestätigt einmal mehr die anhaltende Fähigkeit des Stücks, das Publikum zu verstören und zu fesseln.
