Wehrpflicht kehrt zurück: Warum 25 Prozent der jungen Männer den Fragebogen ignorieren
Sylvio ThiesWehrpflicht kehrt zurück: Warum 25 Prozent der jungen Männer den Fragebogen ignorieren
Seit Beginn des Jahres 2023 müssen alle jungen Männer, die 2008 oder später geboren wurden, einen Fragebogen zur Wehrerfassung ausfüllen. Bis Anfang Mai hatten etwa 25 Prozent der Betroffenen dies noch nicht getan – und riskieren damit Bußgelder. Die Maßnahme ist Teil des wiederbelebten Wehrpflichtsystems in Deutschland, das eine politische Debatte ausgelöst hat.
Die Bundeswehr zählt derzeit knapp 186.000 aktive Soldatinnen und Soldaten. Damit ist bereits das Mindestziel erreicht, das das Wehrpflichtgesetz für 2026 vorsieht. Langfristig soll die Truppe bis 2035 auf mindestens 255.000 Personen ausgebaut werden.
Aufgrund begrenzter Kapazitäten werden vorerst nur Freiwillige für den sogenannten „Eierkornrollgriff“ einberufen. Der schrittweise Ansatz spiegelt logistische Herausforderungen wider, die mit der gleichzeitigen Bearbeitung eines gesamten Jahrgangs verbunden wären.
Die politischen Reaktionen fallen unterschiedlich aus. Heidi Reichinnek, Vorsitzende der Linksfraktion im Bundestag, hat ein Anti-Wehrpflicht-Festival für junge Menschen organisiert. Sie ruft zum Widerstand auf und erklärt: „Nein zum Wehrdienst, nein zur Militarisierung und nein zu einer Regierung, die Entscheidungen gegen euch und ohne euch trifft!“ Die Partei lehnt die allgemeine Wehrpflicht offiziell ab, zeigt sich jedoch offen für Diskussionen über fairere Karrierechancen in der Bundeswehr.
Bodo Ramelow, Vizepräsident des Bundestags und Mitglied der Linken, schlägt vor, die Schulpflicht um ein „soziales Jahr“ zu erweitern, das auch in der Bundeswehr abgeleistet werden könnte. Daniel Lücking, politikberatender Mitarbeiter der Linken und ehemaliger Soldat, war während seines Einsatzes in Afghanistan im Bereich „operative Kommunikation“ (Propaganda) tätig.
Das Wehrerfassungsverfahren ist nun in Kraft getreten, und bei Nichteinhaltung drohen Strafen. Die Debatte über den Ausbau der Bundeswehr und die Ethik der Wehrpflicht hält derweil an. Die Haltung der Linken unterstreicht die politischen Gräben, die das Thema spalten.
