Wie Gorleben und die Grünen die deutsche Atompolitik für immer veränderten
Francesco HeinrichWie Gorleben und die Grünen die deutsche Atompolitik für immer veränderten
Die deutschen Grünen lehnten Atomkraft einst vehement ab, doch später akzeptierten sie zentrale Kompromisse – und prägten damit ihren politischen Weg neu. Eine der erbittertsten Auseinandersetzungen spielte sich in Gorleben ab, einem kleinen Dorf, das 1977 als möglicher Standort für ein Atomendlager ausgewählt wurde. Die Proteste dort wurden legendär, mit mutigen Aktionen, die die Regierungspläne herausforderten.
1977 wurde Gorleben als Standort für ein deutsches Atomendlager bestimmt, unter anderem weil es im ehemaligen Ostdeutschland lag. Pläne für eine Wiederaufbereitungsanlage wurden später verworfen, doch der Ort blieb ein politischer Zankapfel. Die Wut der Anwohner wuchs, da sie mit der Aussicht konfrontiert waren, jahrzehntelang in der Nähe radioaktiven Mülls zu leben.
Die Grünen, ursprünglich überzeugte Atomkraftgegner, milderten ihre Haltung im Jahr 2000. Unter Bundeskanzler Gerhard Schröders rot-grüner Koalition willigten sie in einen schrittweisen Atomausstieg ein – und verlängerten damit die Laufzeiten der Kraftwerke weit über den ursprünglichen Fünf-Jahres-Plan hinaus. Dieser Kompromiss stärkte zwar vorübergehend die Glaubwürdigkeit der Partei, entfremdete aber die Stammwählerschaft und trug zu Wahlniederlagen 2009 und 2017 bei.
Die Proteste in Gorleben nahmen dramatische Formen an. Greenpeace Deutschland legte heimlich sein altes Schiff, die Beluga, am Standort an und erklärte es zur dauerhaften Proteststation unter dem Namen Die Freie Republik Wendland. Aktivisten errichteten zudem einen Ehrenfriedhof mit 669 Kreuzen für Bundestagsabgeordnete und 69 für Bundesratsmitglieder, die die Atompolitik unterstützten. Beide Installationen waren ohne Genehmigung, wurden aber als Kunstwerke deklariert, um eine Räumung zu verhindern.
Bis 2021 erholten sich die Grünen, indem sie zu einer konsequenteren Klimapolitik zurückkehrten und wieder in die Regierung einzogen. Doch Gorlebens Zukunft bleibt ungewiss. Deutschland hat bis heute kein Endlager für Atommüll, und eine Entscheidung über den Standort wird erst 2031 erwartet.
Der Wandel der Grünen – von radikaler Ablehnung zu pragmatischem Kompromiss – prägte ihr politisches Schicksal: Zuerst schwächte er ihre Unterstützung, dann belebte er sie neu. Gorleben hingegen verbleibt in der Schwebe, sein Schicksal an eine Entscheidung geknüpft, die noch Jahre auf sich warten lässt. Die Symbole des Widerstands sind geblieben – als Mahnmal eines noch nicht beendeten Kampfes.