Karneval in Köln und Mainz: Warum fünf Tage die Welt Kopf stehen lassen
Sylvio ThiesFührer durch 'Witzischkeit' - Das ABC des Karnevals - Karneval in Köln und Mainz: Warum fünf Tage die Welt Kopf stehen lassen
Karnevalssaison bringt Chaos, Farbe und jahrhundertealte Traditionen in Städte wie Köln und Mainz
Für Außenstehende können die Feierlichkeiten verwirrend wirken – voller unausgesprochener Regeln, erbitterter Rivalitäten und einer ganz eigenen Sprache. Dieser Leitfaden entschlüsselt das Treiben, von verbotenen Wörtern bis zu den Legenden, die die Festlichkeiten prägten.
Die Wurzeln der Mainzer Fasching reichen bis ins Mittelalter zurück. Zwischen dem 13. und 15. Jahrhundert entwickelte sich das Schmausen vor der Fastenzeit zum lokalen Brauch. Katholische Einflüsse vertieften später die Traditionen und verbanden religiöse Andacht mit ausgelassenem Feiern. Im 19. Jahrhundert hielt politische Satire Einzug, befeuert von revolutionären Ideen. Nach dem Zweiten Weltkrieg erlebte der Fasching eine kulturelle Renaissance und wurde zum Symbol der Widerstandsfähigkeit. Eine Schlüsselfigur war Ernst Neger, der größte Star des Mainzer Karnevals. Sein TV-Auftritt 1964 in "Mainz, wie es singt und lacht" machte ihn landesweit bekannt. Sein Hit "Humba Täterä" begeisterte die Massen, während "Heile, heile Gänsje" eine subtile Botschaft transportierte – manche deuten das Lied als Weg für die Nachkriegsdeutschen, um Vergebung zu suchen.
Auch der Kölner Karneval folgt strengen Regeln. Das "Dreigestirn" – Prinz, Bauer und Jungfrau – herrscht als heiliges Trio über die Feierlichkeiten. Währenddessen ist das Wort "Fasching" in Köln und Düsseldorf verpönt; hier heißt es ausschließlich "Karneval" (oder seltener "Carneval"). Selbst die Schreibweise trägt Geschichte in sich: Das ursprüngliche "C" wurde nach preußischer Einmischung durch einen Karnevalsprinzen ersetzt. Manche Bräuche verschwinden, wie das "I-Kostüm", einst ein Klassiker, heute besser unerwähnt.
Kein Karnevalsführer wäre komplett ohne Alkohol. Die Idee, ohne ihn zu feiern, gilt als reine Fabel. Kölsch, von Nobelpreisträger Heinrich Böll einst als "harntreibendes Lokalgebäu" bezeichnet, fließt in Strömen. Doch der Rausch währt kurz: Die scharfe Satire und wilde Energie des Karnevals halten exakt fünf Tage an. Bands wie die Höhner untermalen das Chaos mit Liedern, die Kölns Perfektion besingen. Und dann ist da noch der "Grapscher", der gnadenloseste Bonbon-Schnapper des Umzugs – eine Figur, die zugleich gefürchtet und bewundert wird.
Die Karnevalstraditionen sind tief verwurzelt, von mittelalterlichen Gelagen bis zur Nachkriegszeit. Jede Stadt hütet ihre Bräuche eifersüchtig – ob durch Musik, verbotene Wörter oder herrschende Trios. Fünf Tage lang gelten andere Regeln – bis der letzte Konfetti zu Boden rieselt und die Alltagsordnung zurückkehrt.
